Kompendium eines Sophisten

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III. Brief - Ein Angewiderter Brief des bekennenden Soziopathen

Angewiderter Brief eines bekennenden Soziopathen

über die „freiwillige Askese“

 

Lieber A.!

 

Was schreiben Sie da? Sie fühlen sich nicht wohl?! Ich würde natürlich Anteil nehmen – wenn Sie nicht dreieinhalb Seiten darauf verwendet hätten, mir zu erklären … warum Ihnen so furchtbar zu Mute ist. Es ist dabei beileibe nicht die Länge, die mein Mitgefühl abschwächte – es sind die Gründe, die Sie anführen…

Ich möchte daher die Gelegenheit ergreifen, Ihnen die wahren Gründe zu nennen – jene, die für Ihren miserablen Zustand verantwortlich zu machen sind.

Ich arbeite mit Ihnen seit einiger Zeit zusammen und wie oft muss ich hören, dass wir beide nicht unterschiedlicher sein könnten! Ich sei angeblich „Pech und Schwefel“, Sie hingegen der „stramme Schönling“. Unabhängig davon, wie sehr diese Beschreibungen fehlgreifen, so charakterisieren sie dennoch wunderbar, was uns eigentlich unterscheidet.

Sehen Sie, wir leben in einer Zeit, in der nicht mehr das Heute gilt – wir haben uns auf das Morgen versteift. Tatsächlich ist dieser ferne Tag zu einem metaphysischen Königreich der Himmel avanciert, dem Ziel auf welches man hinzuarbeiten hätte. Eine Farce! Worin aber liegt dieser Sinneswandel begründet? Warum lebten die Menschen früher in „Sturm und Drang“, suchten nicht die goldene Ferne sondern das lustvolle Nahe? Wofür „verschwendete“ Mozart sein weniges Geld? Worin lag die Lebensfreude Epikurs? Worin die Seelenruhe eines Montesquieu?

Es ist die Kürze des Lebens, die es einst einmal gewürzt hat – der Mensch wusste um seine Vergänglichkeit, seine lebendige Endlichkeit – ja, er war stets und ständig von ihr bedroht! So musste er denn auskosten, was ihm nur menschenmöglich erreichbar war und das in der ihm gegebenen Zeit. Doch unsere Epoche hat diese Würze eingebüßt, der Mensch ist nun nicht mehr mit einer Endlichkeit bedroht – wenigstens nicht unmittelbar. Und statt nach Ruhm und Größe zu eifern oder sich in einer der vielen Disziplinen als neuer Herkules hervorzutun, wird er eingespannt in das große Tabernakel, welches Hobbes als „Leviathan“ bezeichnete und treffend bezeichnete.

Ein Monster biblischen Ausmaßes! – Menschen hasten, gieren nach einem Pfund Sicherheit in einer Welt der Unsicherheit; ihr Moment, ihr Jetzt dient nur der Errichtung der großen Luftschlösser, die in der Ferne liegen sollen! „Was für Luftschlösser?“, höre ich Sie fragen. Der Mensch verdrängt seine Bedürfnisse, will seine Wünsche später erst erfüllen – und um dies überhaupt erreichen zu können, gibt er sich dem Leviathan bereitwillig hin, streckt die ihm gegebenen Waffen und beginnt, dieses Monstrum zu nähren und beinah‘ zu liebkosen. Mehr und mehr Zeit wird dem Manne genommen, mehr und mehr Momente misst die Frau – Arbeit ist unsere brave Tugend! Arbeitet, auf dass ihr morgen glücklich seid!

Doch unsere Gesellschaft wird auch morgen noch von diesem Leviathan, diesem fetten Dämon regiert – der Traum erfüllter Wünsche zerfällt und es bleibt nur die Monotonie des gestrigen Tages. Der Mensch spart sich also auf – er ist nicht fähig, sich seinem Selbst hinzugeben, nicht jetzt und hier. Er versagt oder muss sich versagen das Bedürfnis nach einem freudigen Leben. Der Mensch ist von seinen Bedürfnissen getrieben – woher also haben wir diese Hybris, wir seien dem Tier überlegen? – und da er diese nicht erfüllen kann – verlagert er sie in die Ferne und wärmt seinen geschundenen Körper mit dem Wunschgedanken, es sei das Ziel, dem er näher schreitet.

Und hier liegt auch Ihr Problem, mein Lieber! Denn auch Sie verlagern, verdrängen und geben sich dem Bau der großen Luftschlösser begeistert hin!

Doch wer sagt Ihnen, wer versichert Ihnen, dass es ein Morgen geben wird? Sie wie auch ich wissen, dass es niemanden gibt, der ein solches Versprechen geben kann – andernfalls wäre es eine erstaunlich dumme Lüge.

Man kann nur versuchen, dieses ominöse Morgen zu erreichen – so beginnt denn eine ganze Gesellschaft, sich unablässig um die eigene Gesundheit zu sorgen. Er betreibt den Sport ohne Eleganz aber mit erstaunlicher, zwanghafter Disziplin. Er versagt sich die vielen Genüsse und verteufelt sie. Er ist auf das Fleisch bedacht und vergisst darüber seinen Geist.

Eine ganze Industrie erbaute sich auf dieser Angst und lebt davon, dass der Mensch bestrebt ist, sein Morgen doch noch zu erreichen – egal, wie viele Tage er schon gesehen haben mag!

Ich lebe nicht für ein ominöses Morgen – ich lebe mit nur einem Wunsche; ich tue, was mir die Freude bereitet, nach der andere dürsten. Und ebendas, lieber A., sollten auch Sie tun! Denn was für ein lebloses Etwas könnten Sie wohl werden, wenn Sie sich alles und allem entsagen, wie sie’s bisher taten?! Sehen Sie, deshalb sind Sie krank, deshalb fühlen Sie sich leer und antriebslos!

Sie existieren – aber sie leben nicht. Der Mensch aber will leben und nicht immer nur streben!

Ich für meinen Teil lebe, ohne nach dem Morgen zu streben. Lernen Sie nur den Genuss zu liebkosen, dann werden Sie Ebenen entdecken, die Ihnen bisher verborgen blieben. Warum wohl, träumt die Jugend von den Abenteuern vergangener Tage? Warum sucht der Mensch unserer Zeit sein Seelenheil in Exzessen und grausiger Völlerei? Und warum machen Sie sich solche Sorgen, ob Sie mit ihrer freiwilligen Askese denn auch akzeptiert werden könnten von all den leeren Lumpen?! Nicht die Völlerei, nicht die Askese – nur die Gewissheit um die eigenen Wünsche ist wirkliches Glück.

Ich lebe nach dieser Maxime – und ich lache den Leviathan aus.

Würden Sie und ich nach dieser Maxime leben – wir würden den Leviathan verspotten.

Würden wir alle danach leben – es gäbe keinen Leviathan mehr!

 

Machen Sie’s gut, Sie Schönling!

Ihr,

Pech und Schwefel

27.8.15 10:42, kommentieren

II. Brief - Ein unfreundlicher Brief eines bekennenden Soziopathen

Unfreundlicher Brief eines bekennenden Soziopathen

über den Terminus "offene Beziehung" 


 

Lieber H.!

 

Ich hatte dir bereits darüber geschrieben, was ich B. alles an den Kopf geworfen habe – dabei hatte ich mir nicht einmal wirklich etwas „Böses“ dabei gedacht und ich sehe mich nach wie vor im Recht. Du kennst B. Sie ist unverbesserlich und eine Chaotin – das macht sie durchaus sympathisch, aber wenn ich mir ihr Weltbild – die Fetzen, die ich von diesem kaputten Gebilde zu sehen bekommen durfte – betrachte, dann könnte ich vomieren! 

Etwas, dass mich bei ihrer Anschauung besonders … anwidert … ist ihr Umgang mit ihrer eigenen Sexualität. Sie sagte mir, sie sei ein „offener Mensch“, nicht sosehr an einer allzu festen Bindung interessiert. Du kannst dir sicherlich vorstellen, was gemeint ist – und handelte es sich um Orgien, die von einer Gruppe intelligenter Sonderlinge veranstaltet werden, so wäre ich wohl zu einem Stammgast bei diesen Festivitäten avanciert! Aber nein, keine Orgien – nur, dass B. sich eben nicht festlegen will und diesen Zustand als „offene Beziehung“ deklariert. Nun werde ich nicht dazu übergehen, wie es manch‘ alte Wesen zu tun pflegen, und sie als dumme Hure zu bezeichnen. Ebenso wenig gehe ich den Weg der frühchristlichen Weisen, die in dem Weibe nur den Dämon sahen – „Tu es diaboli janua!“

Ich werde vielmehr dir meine Gedanken mitteilen, denn ich weiß, dass du ein Schwerenöter vollendeter Grazie bist und dir von so manch offizieller Stelle bereits „psychische Umerziehungsstunden“ ans Herz gelegt wurden.

Die „Vielweiberei“ kann eigentlich nur zwei wirkliche Wurzeln haben und manches Mal sind diese sogar miteinander verflochten – entweder, ich kann mich vor Lust kaum halten und lebe dieses Bedürfnis aus oder ich bin schlicht zu verunsichert, eine wirkliche Beziehung einzugehen und arbeite mich daher an mehreren Individuen ab, die womöglich ganz andere Interessen haben – du verstehst?! Im Falle unserer chaotischen B. ist es nun diese zweite Wurzel allen Übels. Sie ist eine verunsicherte, eine – zeitweilig – deprimierte und vom Leben enttäuschte Person, die den Schneid hat, diese Enttäuschung mit einem fröhlichen Grinsen hinzunehmen. So hastet sie denn von Mann zu Mann – um kurzweilig bei mir zu enden – und wird eines Tages feststellen, dass niemand mehr anwesend ist, um ihre Wünsche noch zu erfüllen. Wir beide – du und ich – wissen, wo diese Tragödien enden; ihr Schluss endet immer mit dem gleichen Schuss! Verbraucht und von inneren Tugendzwängen zerfressen, wird sie wieder und wieder banalen Exzessen erliegen und schlussendlich mit manischer Manier nach ihrem vermeintlichen „Lebensglück“ greifen – dabei handelt es sich bei dieser süßen Träumerei um ihr tatsächliches Unglück. Armes Mädchen!Dummes Mädchen!

Genug von B.! Nicht uninteressant ist überhaupt die gesamte Vorstellung einer „offenen Beziehung“. Was ist das, eine Beziehung? – abseits des Aktes der Reproduktion natürlich. Menschen lassen sich aufeinander ein und wenn man hoffen darf – und das darf man nicht! – dann entsteht eine wärmende Zweisamkeit, die auf Kenntnis des anderen gegründet und auf gegenseitiges Vertrauen aufgebaut ist. Diese psychische Intimität bedarf eines Schleiers der Geheimniskrämerei – wie könnt‘ ich denn meine Kellerleichen offenbaren, wenn am nächsten Tage das Dorf über diese Toten weiß? Ich muss darauf setzen, dass meine … innigeren Abgründe, die ich diesem Wesen neben mir offenbare, nicht als Artikel der sozialen Boulevardpresse enden. Wenn ich nun aber sage, dass ich mich nicht binden möchte – wie kann denn dann diese Intimität entstehen? Wenn ich die dekadenten Sauereien einer Person kenne – gut. Wenn ich um die grotesken Schweinereien mehrerer Personen weiß – so muss ich fragen: Warum, bei Gottes Liebe, sollte ich das wollen?

Der Schluss, der aus dieser Betrachtung gezogen werden muss, ist, dass eine „offene Beziehung“ die seelische Intimität hintanstellt und somit beide Parteien – das Männlein wie das Weiblein – zu Objekten der reinen Begierde werden. Und wir alle wissen doch, wie sehr besonders die emanzipierte Damenwelt darauf bedacht ist, eben nicht ein Objekt zu sein oder zu werden! So dreht sich denn schlussendlich alles nur noch um den Akt.

H., du weißt, wie sehr B. darauf bedacht war, als Feministin zu gelten, als starke Frau angesehen zu werden – und mit ihrer Einstellung schafft sie schließlich die Umstände, die sie eigentlich als weiblicher Heros doch zu bekämpfen wünschte. Männer benutzen sie und sie glaubt dabei auch noch etwas – nicht lachen! – Progressives zu tun. Als wäre die Vielweiberei etwas eklatant Rebellisches. Selbst die Nationalsozialisten warben für eine Promiskuität der Herrenrasse und letztlich ist es doch nur das Tier, das den denkenden Menschen verdrängen will.  

Ich bin also ein Gegner dieser Art und Weise des Liebeslebens – und ich hoffe, dich ebenso überzeugt zu haben. Würde ich mir wünschen, „benutzt“ zu werden, so würde ich dafür nicht nach großklingenden, mit der Feder eines toleranten Humanismus geschmückten Worten suchen – ich würde mich einfach benutzen lassen. Da ich aber meine mir innewohnende Emanzipation nicht immer selbst mit Wort und Feder beweisen muss, sage ich dazu nur dies: Mich benutzt niemand!

Nicht weil ich denke, bin ich – nur weil ich tue was ich will, kann ich sein!

 

Dir alles Gute, H.!

26.8.15 21:44, kommentieren

I. Brief - Ein Liebesbrief des bekennenden Soziopathen

Liebesbrief eines bekennenden Soziopathen

über die Inflation des Wortes "Liebe" 

 

Liebe B.!

Ich weiß nicht, wie es dir geht, allerdings hoffe ich inbrünstig, dass es mir besser geht. Im Nachfolgenden habe ich eigentlich nur über eine einzige wichtige Sache zu berichten – Gedanken hierzu schwirren mir seit Wochen durch den Kopf und es scheint mir angebracht, sie gerade dir mitzuteilen.

Wie oft hört man doch von Liebe! Junge Mädchen träumen sich in zuckersüße Fieberphantasien, weinerliche Herren erleichtern sich um ihren grauenvollen Herzensschmerz. Pärchen, welche in den Parks der Stadt ihr kurzweiliges Glück mit allem verliebten Pathos zur Schau stellen, schlendern verzückt umher und grinsen sich gegenseitig in ihre erröteten Gesichter. Wilde besingt die Liebe in seinen Märchen, unsere größten Dramen entspinnen sich um dieses seltsame metaphysische Etwas. Und doch will ich mich hier nicht als unsäglicher Pessimist beweisen oder mich gar als Anhänger Schopenhauers erklären! Ich will mich nicht, wie Erich Fromm, darum bemühen, in diesem Schreiben zu erklären, was denn Liebe überhaupt ist – andere Autoren mögen dem Interessierten die Antwort liefern. Worüber ich nachdachte und nun zu schreiben gedenke ist um vieles komplizierter, auf seine Weise jedoch einfacher. Ich will dir letztlich noch nicht einmal eine Abhandlung liefern – ich möchte mich schlicht und ergreifend aufregen. Du hattest mich um einen Liebesbrief gebeten und natürlich scheint eine meiner Tiraden vollkommen unangebracht, um einem solchen Unterfangen auch nur im Entferntesten gerecht zu werden. Doch – und das ist der Ausgangspunkt meines nun folgenden Tobsuchtsanfalls – ist ebendies Unterfangen Ausdruck eines inzwischen derart verbrauchten Gebiets – die Liebe! Oh, wie inflationär dieses Wort doch gebraucht wird, wie es mit aller Gewalt missbraucht wurde und nun jedem Schürzenjäger, jedem billigen Schwerenöter und selbst schneidigen Männern wie mir leichtfertig über die Lippen gleitet. Du siehst, ein Eid hat seine Bedeutung für uns unlängst verloren – und wenn selige Ärzte ihre ganz eigenen Machenschaften verfolgen können, obwohl sie unter einem heiligen – dem Hippokratischen! – Eide stehen, warum nicht auch … wir? Nicht wahr?!

„Ich liebe dich!“ – keine größere Lüge auf dieser Erde. „Ich will bei dir sein!“ – kein falscheres Versprechen in unserer Geschichte als dieses. Die Romantik wird nun verzogen und besonders unsere jüngste Generation ergeht sich in vorschnellen und – unter uns gesagt – überaus schmierigen Liebesbekundungen. Dabei allerdings bin auch ich nicht von dieser kitschig verblendeten Seuche verschont geblieben – man mag’s kaum glauben! Auch ich schrieb Liebesbriefe, auch ich schwärmte und natürlich versuchte ich mich in romantischer Lyrik. Besonders du solltest darüber bescheid wissen – aber ich entsage mich dem Ganzen nun. Ich „liebe“ nicht mehr, ich „will“ bei niemandem mehr sein und bleiben! Mein Wille lautet wie folgt: Du sollst mich nicht mehr anrufen! Du hättest keine anderen Männer neben mir haben sollen! Ich wünschte, ich dürfte töten!
Lass‘ mich bitte erklären, wie dieser Sinneswandel zustande kam…

In aller Welt verlieben sie sich, die dummen Narren und heben die gesegneten Gefühle empor um sich späterhin in weinerlicher Dramatik zu ergehen. Das eine wie das andere erscheint den erfahrenen Alten als natürlich und sie schmunzeln darüber, wie ihre Nachkommen die gleichen gelähmten Erfahrungen sammeln müssen, die sie einst verarbeiteten – das nenne ich Schadenfreude! Jünger und jünger werden sie, die Künstlerinnen, die schwärmerisch von dem Beieinandersein sprechen, schlauer und schlauer werden sie, die jungen Herren, die mit ihren einstudierten Redewendungen auf der Lauer liegen in den Cafés, den Bars und Diskotheken. Eine Heuchelei nach der anderen! – hier wird romantisch verklärt, dort wird romantisch gelogen. Und diese widerliche Scheinheiligkeit und Zweideutigkeit zieht sich durch unsere gesamte Gesellschaft; Liebeslieder sprießen aus dem Boden, eines schlechter komponiert als das andere! Frauen weinen, sind sie am gelobten Valentinstag einsam und allein, Männer fürchten um ihre stoßende Überzeugungskraft. Der Romancier ist nun Objekt endloser Wiederholung, das Tier im Menschen ist dekadenter als die beleibten Männer, die Cäsar um sich wissen wollte! Ein Trauerspiel und es bleibt nichts anderes übrig, als schreiend davon zu laufen, um sich in der Ferne, auf dem Gipfel menschenmöglicher Überlegenheit über diese Torheit lustig zu machen.

Wo ist der Mann, der große Charmeur, der gekonnte Schwerenöter? – nicht der dumpfe, gierige Schürzenjäger. Wo ist die Frau, die verstehende Spielerin, die Göttin und Medusa zugleich? – nicht die verträumte, zeitweilig verwirrte Furie. Das Geheimnis der Erotik liegt in ihrer andeutenden Verheimlichung – wir haben längst allen Sinn für wahre Sinnlichkeit eingebüßt. Es bleibt die Inflation der Liebe – und hinter diesem Worte verbirgt sich nichts Großes mehr, allenfalls noch große Dummheit.

Es ist müßig, sich darüber aufzuregen. Ich habe meine Schlüsse gezogen. Ich verlasse dieses liederliche Treiben und wende mich der einzigen Person zu, die ich wirklich „lieben“ kann – mich selbst! In diesem Sinne strafe ich auch nun dich mit Verachtung und empfehle mich im wahrsten Sinne des Wortes.

Überhaupt nicht der Deine,

L.

 

26.8.15 21:30, kommentieren

Prolegomena zu den "Briefen"

Ziel dieser „Briefe“ ist nicht, ein ethisches System zu schaffen, dass sich zu einer Schule ausbauen ließe und dem suchenden Menschen Prinzipien an die Hand gibt, nach denen er leben und den Zustand seligen Glücks erreichen soll. Mag der Gegenstand dieser fiktiven Korrespondenz doch im Wesentlichen ethischer Natur sein, so will sie dennoch nicht befehlen, belehren oder gar zwingen. Die moralische Voraussetzung für die Briefe ist eine konsequente Lebensbejahung, auf deren Basis eine Kritik der bisherigen, vor allem aber unserer Sittenlehre begonnen wird – zum einen will sie also die Moralvorstellungen unseres Zeitalters hinterfragen, andererseits aber will sie mit ihrer Kritik keinen finalen Abschluss erreichen, sondern die Schlüsse, die gezogen werden, nur als Baugrund verstanden sehen. Denn wenn ich mir das Ziel setze, Kritik als Ackerboden für Neuerung zu betrachten – und Kritik ist immer, wenn sie nicht um der Kritik selbst willen angebracht wird, ein Ackerboden – gleichwohl aber diese Neuerungen nicht als systematisches Konzept vorstellen will, so befinde ich mich in einer erstaunlichen, einer seltsamen Lage. Denn einerseits verwerfe ich mit meiner Kritik, andererseits aber scheine ich den Pfad in eine neue Richtung nicht beschreiten zu wollen. Ich kann also nur die Schlüsse, die sich unmittelbar aus meiner Kritik ergeben, als Nährboden betrachten und sie dementsprechend konzipieren.

Denn auch wenn die in den Briefen enthaltenen Schlüsse einen überaus finalen Charakter haben mögen, so sind sie dennoch nicht als geschlossenes System gedacht und betrachten sich vor allem als Antwort auf das Überkommene, das scheinbar Veraltete. Der Autor selbst ist im Übrigen keineswegs davon überzeugt, dass seine Ausführungen nicht auch dem Hammer der Kritik unterworfen werden könnten.

Das nun Gesagte gilt für alle in den Briefen angesprochenen Gebiete – damit allerdings wurde nur die Intention der Briefe kurzweilig dargestellt. Tatsächlich steht hinter ihnen auch der Versuch, verschiedene Gedanken und einfach gehaltene Weltanschauungen zu interpretieren, zu verarbeiten, kurz, die eigene Weltsicht für die Dauer eines zu verfassenden Briefes zu ändern. Wie Feuerbach bereits richtig sagte, ist Widerlegen leicht, Verstehen nur sehr schwer. Und der Autor der Briefe erhebt in keinem Falle den Anspruch, selbst der Soziopath, der Doxomane oder ein anderer Schreiberling zu sein – im Gegenteil, er will vielmehr klar ersichtlich machen, dass die schreibenden Personen die Produkte reiner Imagination sind und die den Gedanken als Geburtshelfer beigegebenen Situationen und Beziehungen dürfen nur als karge, einfache Widergabe möglicher Realverhältnisse verstanden werden.

Die Briefe sind also nichts weiter als Versuch und Interpretation – der Autor hofft, dass sie auch Triebfeder und Ratgeber sein mögen.

26.8.15 22:05, kommentieren

Der Prophet

Der Prophet

 

Ich stehe an der Spitze ganzer Massen,

mein Wort steht über allen,

fremde Geister mögen’s hassen

Ich weiß, außer mir gibt’s nur vergangene Fanfaren

 

Drum hört, was ich zu sagen habe,

sammelt euch unter meinen Fahnen

und ignoriert jede falsche Gabe,

ich bin’s nur, der Wahrheit spricht: Belogen haben euch die Ahnen!

 

Werft hinfort die Philistermoral!

Hinfort mit den Bastarden alter Zeiten,

schlecht waren sie, dumm dazumal

und  erinnert nur an ihre tausendfachen Pleiten.

 

Dies drum predige ich,

wie Nietzsches Zarathustra einst,

nur die Wahrheit, die Wahrheit und nicht vergeblich,

auf dass du Übermensch in jeder Seele keimst!

 

Ich rede nicht, ich handle,

und gemeinsam stoßen wir die Tore auf,

in neue Zeiten, eine neue Epoche, ohne Leid und ohne Schande.

Reichtum wird’s geben, ich sag’s, Reichtum zu Hauf!

 

Drum folget mir, steht immer zur Seite meiner Wahrheit,

stellt keine Fragen, kommt nicht ins Grübeln, die Versuchung ist’s nicht wert,

dann werdet ihr erkennen, mein Wort ist die Zukunft, ihr werdet sehen mit aller Klarheit!

Steht ihr hinter mir – sodann schlägt die Zweifler, Ketzer und Pfaffen nieder mit Axt und Schwert!

 

Gehorcht – euer Schaden wird’s nicht sein,

denn ich bin dem Glücke am nächsten, eure Wünsche kann ich erfüllen!

Errichtet mir mein Reich, eines jeden Menschen Hain,

und hoffet, dass meine Lügen nie jemand wagt zu enthüllen… 

20.10.14 01:38, kommentieren