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Die wahren Störenfriede

Die wahren Störenfriede

 

In der Berliner Morgenpost des 2. und 3. August findet sich ein Artikel, welcher sich mit einem inzwischen lang und nicht nur in Berlin grassierenden „Problem“ auseinandersetzt: die Berliner Schüler sind offensichtlich nicht mehr gewillt, der strikten Schuldisziplin zu gehorchen, den hohlen Phrasen gelangweilter, philisterhafter Lehrer zuzuhören und sich einem Stress auszusetzen, der ihrer Jugend in keiner Weise gerecht wird, ja, der ihrer Jugend in großem Maße zuwiderläuft. Doch statt nach den Ursachen zu suchen – der Artikel gibt nur nicht keine Antworten, nein, er macht sich nicht einmal die Mühe, mögliche Ursachen darzustellen, Fragen zu stellen und wenigstens dem Leser die Aufgabe zu überantworten, sie, gemäß der angeblich herrschenden Meinungsfreiheit, zu beantworten – wird, mit beängstigender, doch gleichzeitig inzwischen gewohnheitsmäßiger Oberflächlichkeit, mit Lösungsvorschlägen eine Bresche zu schließen versucht, die nicht durch jene geschlagen worden ist, die unter diesen vermeintlichen „Verbesserungen“ zu leiden haben.

 

Die pädagogische Blumenlese des Herrn Langenbrinck

 

Der Artikel, verfasst von einem gewissen Andreas Abel, lässt, neben endlosem Statistikgerede und den halbherzigen Maßnahmen des Abgeordnetenhauses, einen wohl selbsternannten „Bildungsexperten“ der Sozialdemokratischen Partei zu Worte kommen: Herrn Langenbrinck. Leider ist es uns nicht möglich, seinen Vornamen zu nennen, der Artikel des Herrn Abel nennt Langenbrinck an einer Stelle „Joschka“, an anderer wiederum „Sascha“. Wir bitten also um Verzeihung, sollten wir Herrn Langenbrinck allzu formal anreden müssen, doch liegt die Schuld nicht bei uns – sind wir doch immerhin keine Angestellten im Lektorat der Berliner Morgenpost.

Herr Langenbrinck tritt überaus konsequent auf, scheint vor Tatendrang nur so überzusprudeln. Er fordert „[…]klare Regeln, die für alle Bezirke und alle Schulen gelten“, will, sollte „[…]es hart auf hart[…]“ kommen, Bußgelder verhängen, verlangt kurzum, im Falle des Falles, „eine schnelle Reaktion“. Man merkt schnell: Es geht Herrn Langenbrinck nicht um Problemlösung, es geht dem vermeintlichen Experten nur um Problembeseitigung. Anstatt die Frage zu stellen: Warum Schüler unentschuldigt dem Bildungswesen fernbleiben, den Verhalt eingehend zu analysieren und auf Basis dieser Analyse wirklich konsequente Lösungsvorschläge zu bieten, nimmt unser Experte die Probleme einfach als gegeben hin und will sie aus der Welt schaffen, nicht um den Schülern zu helfen, sondern, um dem brüchigen, von Problemen inzwischen zerfressenen Schulsystem auch weiterhin die Standarte halten zu können. Herr Langenbrinck will Strafen – „Bußgelder“ – verhängen, für etwas, dass einerseits so alt ist wie die, in Deutschland mittlerweile heiliggesprochene Schulpflicht und andererseits nur eine Reaktion, der zaghafte Ausdruck des Trotzes der unter den bestehenden Problemen, ja, der bestehenden Systemkonstituierung Leidenden ist. Er will also jene strafen, die sich nicht anders zu helfen wissen, jene mit dem finanziellen Rohrstock prügeln, die durch ihr Verhalten auf Missstände aufmerksam machen – doch diese Missstände entgehen der Aufmerksamkeit des Herrn Langenbrinck vollständig. Wie könnte es auch anders sein? Unser Experte, als Mitglied einer Regierungspartei, hat gar nicht die Möglichkeit, sich in seiner kundzugebenden Meinung frei und offen zu äußern, mag es am Ende der Parteilinie zuwiderlaufen, ja, gar das verkrustete Schulsystem Deutschlands direkt angreifen – und Herr Langenbrinck ist selbst nichts weiter als ein Nutznießer der gesamten politisch-gesellschaftlichen Konzeption Deutschlands.

Wir wollen Herrn Langenbrinck also gar nicht korrigieren – wir wollen ihm zeigen, wie falsch er mit all seinen Lösungsvorschlägen liegt, wie wenig er das eigentliche Problem überhaupt erfasst hat und wie oberflächlich doch seine Karikatur eines Lösungsvorschlages wirklich ist.

 

Der Schüler in der seelischen Sackgasse

 

Jeder Schüler, ob nun ein braver, lernwilliger Student der einzelnen Fächer oder der, in der Vorstellung vieler von den jungen Damen angehimmelte Rebell, bleibt den Lehr – und Lernstunden irgendwann einmal in seiner schulischen Karriere unentschuldigt fern. Man würde von der Jugend unmögliches verlangen, würde man ihnen vorschreiben, ihren rebellischen, freiheitsliebenden Charakter zu einem vorzeitigen, grauen Tod zu zwingen – gerade das wird durch die nicht enden wollenden und immer intensiver werdenden Disziplinarmaßnahmen versucht, der Jugend wird ihr Anrecht auf Freiheit und Probierfreude, kurz ihr Anrecht auf Jugend genommen.

Der Stress steigt, den Schülern wird früh suggeriert, dass sie sich anzustrengen haben, dass sie brav und lernfreudig sein sollen, dass ihnen sonst der soziale Abstieg, ja, das vorzeitige gesellschaftliche Ende, der finanzielle Ruin drohe. Schüler der ersten und zweiten Klasse, Kinder also, noch nicht einmal Jugendliche, reden bereits davon, dass sie nicht Hartz-IV beziehen möchten, wenn sie erwachsen sind, geraten also bereits in diesem zarten Alter in den Strudel der sie später erwartenden Probleme.

Doch hier begegnet uns ein, wie eine Wunde klaffender Widerspruch: Betrachten wir die heutigen Aussichten eines aus der Schule scheidenden Jugendlichen. Was erwartet ihn, den „jungen Löwen“? Jedenfalls nichts, dass sich seinem Temperament eignen würde. Die Ausbildungsvergütungen sind niedrig, fallen derart in die Tiefe, dass sich auf absehbare Zeit nicht die erhoffte, so erwünschte Loslösung aus dem Elternhause möglich wird. Die Lebenserhaltungskosten steigen, Preise und Steuern erleben ihre dekadenten Ikarus-Flüge und gleichzeitig sinkt der Lohn, die Arbeit verkommt mehr und mehr zu einer lästigen Angewohnheit ohne Sinn, ohne Ziel, ohne jedwede Möglichkeiten, eines Tages von den errungenen Erfahrungen und den erarbeiteten Posten profitieren zu können. Wer sich beispielsweise für eine Ausbildung zum Fotografen entscheidet, muss sich – insofern er überhaupt eine Anstellung findet – mit knappen 200 bis 230 Euro im Monat durch das überteuerte Leben schlagen. Doch damit nicht genug: die technologischen Entwicklungen der vergangenen drei Jahrzehnte, deren Wichtigkeit für die Gesellschaft bis dato vollkommen ignoriert, von der falschen, einer wesentlich scheinheilig optimistischen Seite betrachtet wird, haben auch die berufliche Welt umgestaltet. Nunmehr scheinen Berufszweige, im akademischen Bereich die Informatiker, im werktätigen Bereich der Bürokaufmann, lukrativ, die früher nun eine von vielen Möglichkeiten darstellten. Auch die Jurisprudenz wird, wie die Informatik und das Ingenieurswesen, mit karrieristischem Eifer von jungen Studenten überbelegt – diese Zentralisation der gesellschaftlichen Arbeitskraft wird zwangsläufig dazu führen, dass die Schwämme der nicht beschäftigten Kräfte ansteigen wird. Schon jetzt versteifen sich viele Unternehmen eher darauf, ausgebildete Mathematiker für ihre informatischen Bedürfnisse anzustellen, statt jene unter die Fittiche zu nehmen, die einstmals für exakt die Erfüllung dieser Bedürfnisse angestellt wurden. Die Zentralisation der gesellschaftlichen Arbeitskraft wird also auf lange Sicht zu einem Umkippen führen, die Gesellschaft selbst wird durch die ihr auferlegten Bahnen aus den bisher befahrenen Schienen gehebelt. Gleichzeitig sterben andere, einstmals so gelobte Berufswege ab, werden sie doch mehr und mehr zu einer sinnlosen Geldverschwendung für die Firmen – und jene, die sich lange in ebendiesen Berufen bewährten, werden abgestraft für ihre Arbeit, stehen plötzlich, existenzbedroht und als Arbeitslose förmlich gebrandmarkt, in einer langen Schlange in einem grauen, tristen Amte.

Dass diese Entwicklung auch auf die Jugend – gerade auf die kommenden Generationen – nicht unbedingt anspornend wirkt, dass sie eher das Gegenteil, nämlich um sich greifende Stagnation und Verzweiflung hervorruft, ist eine logische Konsequenz. Doch offenbar sind heutige „Experten“ erklärte Gegner der langbewährten Logik – letzten Endes nur ein Zeugnis ihrer, unter anderem auch Herrn Langenbrincks Unfähigkeit, über den eng gewordenen Tellerrand hinauszublicken.

 

Doch auch andere Sachverhalte fallen ins Auge – sie sind nicht minder eminent für die Beantwortung der gestellten Frage. Im Jahre 1967 erklärte Rudi Dutschke in der Fernsehsendung „Zu Protokoll“: „[…]Und das bei einer ungeheuren Entfaltung der Produktivkräfte, der technischen Errungenschaften, die eine wirklich sehr, sehr große Arbeitszeitreduzierung bringen könnten, aber im Interesse der Aufrechterhaltung der bestehenden Herrschaftsordnung wird die Arbeitszeitverkürzung, die historisch möglich geworden ist, hintangehalten, um Bewusstlosigkeit – das hat etwas mit der Arbeitszeit zu tun – aufrechtzuerhalten. […]“ (Rudi Dutschke – Mein langer Marsch; Reden, Schriften und Tagebücher aus zwanzig Jahren, herausgegeben von Gretchen Dutschke-Klotz, Helmut Gollwitzer und Jürgen Miermeister. Rowohlt 1980, S. 42, gekürzte Fassung der Fernsehbefragung mit Günter Gaus vom 3. Dezember 1967)

Das, was hier 1967 gesagt wurde, gilt umso mehr für heute, als dass der technologische Fortschritt in den Jahrzehnten danach nicht stehen blieb, sondern noch einmal einen Aufschwung erlebte. Doch die Bewusstlosigkeit, von der hier die Rede ist, ergreift nicht bloß das politische Bewusstsein. Die Arbeit, genauer, das Arbeitsumfeld, dient nicht bloß der Lebenserhaltung, sondern ist zugleich die Befriedigung des sozialen Triebes des Menschen, die Möglichkeit, mit anderen Menschen zu interagieren, Freundschaften zu schließen, kurz, nicht zu vereinsamen. Nur wenige Menschen können behaupten, sich einen Freundeskreis aufgebaut zu haben, der nicht wenigstens zu einem Teil der stets und jeden Tag anwesenden Arbeitskollegen besteht. Doch mit der Einführung des Computers, später des Mobiltelefons und seiner sich immer erweiternden Kapazitäten in das allgemeine Leben konnte dieser soziale Trieb auf andere Weise – von einem Bürostuhl aus nämlich – befriedigt werden. Das bedeutet letztendlich, dass die Arbeit nicht nur aus ökonomischer Sicht mehr und mehr ihren Sinn, ja, ihre Existenzberechtigung verliert, nein, auch aus psychoanalytischer bzw. sozialer Sicht verliert sie ihren Sinn.

 

Das Labyrinth gesellschaftlicher Widersprüche

 

Es fällt ins Auge: Arbeit als solche verliert ihren Sinn für die Jugend. Und je mehr sich das Bürgertum aufbläht (um letzten Endes wie eine Blase zu platzen), sich mehr Akademiker und einstmals Auszubildende in einem Amte wiederfinden, um ihre Lebensgrundsicherung zu beantragen, mehr und mehr Jugendliche nach ihrer schulischen Tätigkeit in jenem „industriellen Reserveheer“ verenden, von welchem Engels bereits 1878 sagte, dass die „Vervollkommnung der Maschinerie […] Überflüssigmachung von Menschenarbeit“ heißt und  das wenn „[…]die Einführung und Vermehrung der Maschinerie Verdrängung von Millionen von Handarbeitern durch wenige Maschinenarbeiter bedeutet, so bedeutet Verbesserung der Maschinerie Verdrängung von mehr und mehr Maschinenarbeitern selbst und in letzter Instanz Erzeugung einer das durchschnittliche Beschäftigungsverhältnis des Kapitals überschreitenden Anzahl disponibler Lohnarbeiter, einer vollständigen industriellen Reservearmee, wie ich sie schon 18 45 nannte, disponibel für die Zeiten, wo die Industrie mit Hochdruck arbeitet, aufs Pflaster geworfen durch den notwendig folgenden Krach […]“ (Friedrich Engels; Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft / „Anti-Dühring“ – Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbek bei Hamburg 1973, S. 27) Ebendiese „industrielle Reservearmee“ sehen wir heute in Gestalt der vielen von staatlich verordneter Lebensgrundsicherung abhängiger Arbeitsloser – und da soll die Jugend von heute noch einen Sinn erblicken! Die Löhne sinken, Preise steigen, ein eigenes, befreites, selbstbestimmtes Leben ist nicht mehr möglich. Computer und verbesserte Industrie verdrängen ganze Arbeitszweige und ein Aufbegehren gegen diese Missstände scheint – gerade bei der Jugend – derart aussichtslos, sieht man sich doch einem gewaltigen, scheint’s undurchdringlichen bürokratischen Krebsgeschwür gegenübergestellt. Doch wo der Sinn fehlt, wo der Mensch in die Sackgasse getrieben wird, da beginnt er sich zu wehren, versucht, auszubrechen – und genau hier beginnt der Unwille der Schüler, sich noch länger in die Staatsmaschinerie einzuzwängen. Das ist Herrn Langenbrinck entgangen, vielleicht will er es auch gar nicht erkennen. Fakt ist: Die Probleme sind an der Wurzel zu packen, nicht dumpf an der Oberfläche zu bekämpfen, so wie es Langenbrinck gerne hätte! Doch dieses An-der-Wurzel-packen bedeutet zwangsläufig mehr, als die kapitalistische Produktionsweise und die daraus resultierende gesellschaftliche Konzeption (unserer Tage) bereit ist in diesem Widerspruch, diesem „Kampfe“ nachzugeben.

Um also den Problemen in unserer Gesellschaft tatsächlich lösend zu begegnen, wäre eine Neustrukturierung jener Sozietät eine Notwendigkeit. Diese Neustrukturierung würde sämtliche – jawohl, sämtliche – Zweige erfassen; die Wirtschaft, das Schul – und Sozialsystem, die Politische Konstituierung. Doch das wäre für die derzeit herrschende Klasse keine Option, insofern sie nicht ihre Monopole, ihre Machtinstrumente, kurz, ihre in Despotie ausartende Herrschaft aufgeben wollte. Gleichwohl – wie die derzeitigen Kurse unseres Parlaments, die einer Fahrt ohne Bremsen, einem, sich die Klippen heruntergießenden Massenselbstmord verblendeter Lemminge gleichen, mehr als beweisen – sind weder die politische Führung Deutschlands noch die wirtschaftlichen Machthaber in der Lage, auch nur ansatzweise in die entferntere Zukunft zu blicken. Gehandelt wird inzwischen nur noch nach Tagespolitischen Bedürfnissen, Grundprinzipien der eigenen Politik, der eigenen Handlungen sind inzwischen zu einer Träumerei von Gestern verkommen. Immer neue Probleme tauchen auf, kaum meint man, endlich die Lösung für diesen Disput gefunden zu haben, kaum geben sich die Parlamentäre mit stolzer Brust der Illusion hin, einen Widerspruch innerhalb der Gesellschaft gelöst zu haben, stehen sie schon vor einer neuen Wand – und versuchen diese mit ihren Schädeln einzuschlagen, nur um zu erkennen, dass hinter jener Wand eine ganze Mauer steht.

 

Nicht anders verhält es sich mit den halbherzigen Vorschlägen des Herrn Langenbrinck – diese Vorschläge, dieses schnell zusammengezimmerte Aktionsprogramm ist nichts weiter, als ein Betäuben weitaus tiefgreifender Probleme. Und diese lassen sich nicht mit dumpfen Phrasen, einer aufgesetzten Moral und strengsten Disziplinarmaßnahmen beheben. Herr Langenbrinck schlägt vor, die Elternhäuser härter ins Gericht zu nehmen – welch‘ schlauer Einfall! Doch hat sich Herr Langenbrinck auch nur kurzweilig Gedanken darüber gemacht, welche Konsequenzen solche Maßnahmen auf längere Sicht hätten?! Natürlich nicht! Er erwähnt nicht einmal, dass die Heimat „komplizierterer“ Schüler die Armut ist, der soziale Boden, auf welchem Karriereleitern aufgestellt werden. Würde diese Schicht – aufgrund ihres Protests gegen die bestehenden Verhältnisse an Schulen und Anderswo – nicht wesentlich tiefer in das Fass ohne Boden, tiefer also in die finanzielle und soziale Verarmung fallen? Doch – auf lange Sicht, Herr Langenbrinck! – ist diese Entwicklung zu nichts weiter prädestiniert, als der deutschen Wirtschaft als Ganzes zu schaden. Nicht nur, dass Menschen aller Couleur inzwischen durch die Gesetzgebung des Landes dazu genötigt werden, für Hungerlöhne zu arbeiten, ja, jedwede Arbeit anzunehmen oder Teile der Lebensgrundsicherung zu verlieren, nein, nun sollen einstmals als jugendliche Animositäten belächelte Zustände mit barschen Strafen geahndet werden – Strafen, die den Familien verschiedenster Schichten letztlich auch den letzten Krümel vom Teller klauen. Doch was dann? Herr Langenbrinck, ihre Lösungen sind nichts weiter als schwach dosiertes Morphium; sie sollen betäuben, sind aber keineswegs konsequente Besserungsmaßnahmen. Man wünschte sich, all jene selbsternannten „Experten“ und noch vielmehr jene Dilettanten, die politische Positionen erreichten, würden sich folgende Worte Leo Trotzkis zu Herzen nehmen: „Führen heißt wenigstens in gewissem Grade voraussehen.“ (Leo Trotzki, Verratene Revolution – Was ist die Sowjetunion und wohin treibt sie?) Unsere politische Führung war spätestens seit der Schröder-Administration nicht in der Lage, die weitere Entwicklung der allgemeinen Zustände unserer, wie auch der Weltgesellschaft vorauszusehen – nicht einmal bis zu einem gewissen Grade. Tatsächlich handelte jede Administration seither nur nach der Maxime, Probleme erst dann halbherzig zu betäuben, wenn sie auftauchen. Dabei wäre vorausschauendes Denken und ebensolches Handeln gefragter denn je: das Übel des deutschen Schulsystems ist bloß ein Beispiel, eines von unermesslich vielen. Die Resultate der eigenen Handlungen werden auf führender Ebene überhaupt nicht bedacht – man handelt wie der ärgste Opportunist, den Vergleich mit absolut verblendeten Utopisten müssen unsere Parlamentarier – gleich welcher Ausrichtung – nicht scheuen. „Wir müssen das und das tun – dann passiert das und das.“ So, meist ausgeschmückt mit lahmender Rhetorik und den immer gleichen Floskeln, wird geredet. Doch warum „das und das“ passieren soll, wenn „dieses und jenes“ getan wird, wird nur selten angeschnitten. Wenn Erklärungen gegeben werden, so brillieren diese einzig darin, den Sachverhalt möglichst nach dem eigenen Ermessen darzustellen. Es geht also nicht mehr um die tatsächliche Sachlage, es geht vor allem darum, die eigenen Aktionen auf politischer Ebene entsprechend bekräftigen zu können – das dann selbstredend die weitere Entwicklung eine völlig andere ist, immerhin ist das Leben kein Wunschkonzert, wird mit wahrlich ekelhafter Gleichgültigkeit hingenommen. Und dann tauchen neue Lösungsvorschläge auf…und wieder…und wieder…und wieder. Doch wo soll diese Endlosschleife widerlichsten Opportunismus enden?! Dass vermögen uns weder Herr Langenbrinck noch die Hundertschaften deutscher Parlamentarier zu beantworten – aller Wahrscheinlichkeit wird die Frage von vorneherein dementiert: „Es ist nicht so, wie Sie das sagen, Herr Straile!“

Letztlich bleibt nur zu sagen, dass die katastrophalen Zustände deutscher Schulen ein Produkt miserabelster Politik sind, das Ergebnis eines auf die Bereicherung der herrschenden Klasse ausgelegtes Sozialsystem darstellen. Was für eine Tragödie…

Doch erkennt man schnell: Die wahren Störenfriede sitzen nicht gelangweilt und perspektivlos hinter der Schulbank – die wahren Störenfriede sind jene, die es mit kaltblütiger Dreistigkeit wagen, Steine in Glashäusern umherzuschleudern.

 

Die Frage von 1902 stellt sich erneut: Was tun?

 

Lenin schrieb seine Broschüre „Was tun?“ im Jahre 1902. In ihr formulierte er seine Thesen über die „Avantgarde des Proletariats“ – die Kampfpartei, die proletarische Elite. Und auch wenn sich die Zeiten zweifelsohne änderten, auch wenn wir heute mit Schwierigkeiten konfrontiert sind, von denen kaum ein Sohn oder eine Tochter vergangener Generationen auch nur ahnte, so stellt sich diese brennende Frage jedem von uns: Was sollen wir tun? Wie kann man dieses Sammelsurium sozialer und wirtschaftlicher Probleme lösen? Denn außer Frage steht: Nur noch wenige Bürger Deutschlands und überhaupt der Europäischen Union sehen in unserem Land, ja, dem gesamten Westen (!) ein gesellschaftliches Perpetuum Mobile.

Was also wäre zu tun?

Betrachtet man die Widersprüche des derzeitigen Schulsystems, wie wir es eben (wenn auch nur sehr oberflächlich) taten, so wird schnell klar, dass die Konstituierung unserer Gesellschaft ein Kreuz auf unseren Schultern, das Weiterbestehen dieser Organisation nur ein Weg nach Golgota sein kann. Je mehr sich diese Widersprüche verschärfen, je mehr Menschen in unserem Land nach Sinn und Fülle streben, diese Dinge aber nicht zu finden vermögen, stattdessen mit der großen Masse (der Bevölkerung) in eine Sackgasse gedrängt und dort langsam unter dem stärker werdenden Druck zerquetscht werden, desto eher lassen sich kommende Veränderungen aus diesen Gegensätzen ableiten. Das 21. Jahrhundert wird eine Periode radikaler Umgestaltung darstellen – die derzeitige Passivität des Westens hinsichtlich der eigenen Probleme stellt nur die berühmte „Ruhe vor dem Sturme“ dar. In den Vereinigten Staaten werden die als nichts anderes als obsessiv zu beschreibenden Überwachungsmaßnahmen zu einer Fessel der Gesellschaft – die jetzigen Demonstrationen in manchen Landesteilen stellen nur den Versuch der Bevölkerung dar, sich von diesen Fesseln zu befreien. Der Staat mit seiner hinter ihm stehenden Maschinerie reagiert (natürlich!) nicht konstruktiv sondern mit brachialer Gewaltandrohung. Die Entwicklungen im Nahen Osten stellen einerseits das Endprodukt des Kolonialismus und Neo-Kolonialismus dar – dass Europa nunmehr von Flüchtlingsströmen aus Afrika überschwemmt wird, ist nichts weiter als eine verständliche Reaktion auf die ausbeutende Politik des Westens innerhalb des wirtschaftlich-sozialen Gefüges in den afrikanischen Ländern – und andererseits den Willen der einheimischen Bevölkerung, sich von dieser Repression zu befreien. Hier findet schließlich der religiös motivierte Nationalismus seinen idealen Nährboden – der Wille, sich auf die alte Tradition zu berufen, die Zeiten, in denen man unabhängig und mächtig war – als Nation! – ist nichts als die Reaktion auf den übermäßigen Macht – und Führungsanspruches der Europäischen Union, der Vereinigten Staaten und letzthin auch der UN. All diese Entwicklungen hätten bis zu einem gewissen Grade vorausgesehen werden können, hätte man sich darum bemüht, die historische Bedeutung des Kolonialismus für unsere Zeit zu erfassen. Es ist doch erstaunlich, dass man in weiten Teilen unserer politischen Landschaft nicht einmal, wenigstens einmal, erkannt hat, dass die Vergangenheit unsere Zukunft formt, dass unser Verhalten gegenüber ausgebeuteten Ländern zwangsläufig einerseits eine Trotzreaktion der dort heimischen Bevölkerung dem Westen gegenüber erzeugen und andererseits der noch existierende Reichtum eben des Westens die vielen Flüchtlinge und Dissidenten anlockt, dass, um klarer zu sprechen, die Missstände in afrikanischen, lateinamerikanischen und östlichen Ländern auch auf unsere Gesellschaften brachiale Auswirkungen haben können.

 

Und nicht anders verhält es sich mit dem deutschen Schulsystem – die Probleme, insofern sie überhaupt in Angriff genommen werden(!), werden nur unter der Prämisse des Erhalts der momentanen Konzeption unseres Staates und der Gesellschaft unter die Lupe eines Experten wie Herrn Langenbrinck genommen. Tatsächlich vorausschauendes, und somit besserndes Handeln wäre nur möglich in dem Sinne, dass sich Deutschland, Europa und der Westen in intensiver Weise ändern, dass die bisherige Konstituierung des politischen und sozialen Lebens umgeändert, in weiten Teilen abgeschafft und durch Reorganisation ersetzt werden. Diese Reorganisation – unter welchen ideologischen Fahne sie dann auch immer stattfinden mag – wird zu einer historischen Notwendigkeit; denn der Kurs unserer politischen Blindgänger an der Spitze wird ebendiese Fehlzünder letztlich vor Probleme stellen, die sie mit ihrer bisherigen Phrasendrescherei nicht mehr zu lösen – oder wenigstens zu betäuben – imstande sind.

Die Frage „Was tun?“ wird für uns also zu einem „Was verändern?“ Und die Liste, was zu ändern, was abzuschaffen und was zu behalten, kurz, was zu negieren und was zu übernehmen ist, ist lang. Wichtig wäre, Politik wieder auf den Standpunkt gewisser Prinzipien zu stellen. Die Damen und Herren, die sich mit ihren Ämtern fein und scheinheilig stolz kleiden, sind in die Pflicht für ihre Handlungen zu nehmen – ohne genaue Analysen der Lage, ohne klare Ideen bezüglich der näheren und vielleicht auch ferneren Entwicklung dürfen keine Entscheidungen mehr getroffen werden.

Das Schulsystem gehört reorganisiert – kein Stress und kein fadenscheiniger Leistungsdruck, stattdessen ernsthafte Liebe zur Bildung, Ausbau der finanziellen Mittel für die Schulen und strengere Maßnahmen Lehrern gegenüber, die den Ansprüchen ihres Berufsstandes nicht genügen. (Dies würde auch die Abschaffung der Verbeamtung der Lehrerschaft beinhalten.) Wenn man der Jugend wieder eine Perspektive gibt, dann werden auch die sozialen Probleme, von denen Herr Langenbrinck so angewidert spricht, ihr Ende finden. Doch, und dies kann nicht oft genug gesagt werden, hat die herrschende Klasse kein sonderliches Interesse daran, Änderungen herbeizuführen, die ihren Machtanspruch, ihren großen Turm von Babel, erschüttern lassen könnten – und das wird zwangsläufig zu ihrem Ende führen. Kein Staat, dessen Dekadenz bereits durch die Fassade scheint, konnte sich noch lange als solcher halten. Eine Veränderung wird es also geben – und diese wird das Bild nicht nur Deutschlands sondern der Welt für immer mit neuen, dicken und bleibenden Pinselstrichen umformen. In welche Richtung diese Umformung geht, hängt davon ab, welche politische Ideologie und deren Sprecher es am besten vermögen, die unterdrückten Klassen von der Richtigkeit ihres Programmes zu überzeugen – und es war Platon, der ganz richtig erkannte, dass ein guter Rhetoriker nicht die Wahrheit sprechen muss. Falsches kann als wahr, und Wahres als falsch dargestellt werden; der Rhetor benötigt nur verbalen Honig. Zu hoffen bleibt nur, dass denjenigen, die tatsächlich die richtigen Kurse zu fahren imstande sind, diesen Honig besitzen…

 

Am Ende bleibt uns jedoch nichts übrig, als den Worten des Thomas Münzer applaudierend zuzustimmen und sie als Prinzip für künftige Handlungen aufzufassen: „Die Herren machen das selber, daß ihnen der arme Mann feyndt wird. Die Ursache des Aufruhrs  wollen sie nicht wegtun. Wie kann es die Länge gut werden? So ich das sage, muß ich aufrührisch sein! Wohlhin!

26.8.14 23:12

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