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II. Brief - Ein unfreundlicher Brief eines bekennenden Soziopathen

Unfreundlicher Brief eines bekennenden Soziopathen

über den Terminus "offene Beziehung" 


 

Lieber H.!

 

Ich hatte dir bereits darüber geschrieben, was ich B. alles an den Kopf geworfen habe – dabei hatte ich mir nicht einmal wirklich etwas „Böses“ dabei gedacht und ich sehe mich nach wie vor im Recht. Du kennst B. Sie ist unverbesserlich und eine Chaotin – das macht sie durchaus sympathisch, aber wenn ich mir ihr Weltbild – die Fetzen, die ich von diesem kaputten Gebilde zu sehen bekommen durfte – betrachte, dann könnte ich vomieren! 

Etwas, dass mich bei ihrer Anschauung besonders … anwidert … ist ihr Umgang mit ihrer eigenen Sexualität. Sie sagte mir, sie sei ein „offener Mensch“, nicht sosehr an einer allzu festen Bindung interessiert. Du kannst dir sicherlich vorstellen, was gemeint ist – und handelte es sich um Orgien, die von einer Gruppe intelligenter Sonderlinge veranstaltet werden, so wäre ich wohl zu einem Stammgast bei diesen Festivitäten avanciert! Aber nein, keine Orgien – nur, dass B. sich eben nicht festlegen will und diesen Zustand als „offene Beziehung“ deklariert. Nun werde ich nicht dazu übergehen, wie es manch‘ alte Wesen zu tun pflegen, und sie als dumme Hure zu bezeichnen. Ebenso wenig gehe ich den Weg der frühchristlichen Weisen, die in dem Weibe nur den Dämon sahen – „Tu es diaboli janua!“

Ich werde vielmehr dir meine Gedanken mitteilen, denn ich weiß, dass du ein Schwerenöter vollendeter Grazie bist und dir von so manch offizieller Stelle bereits „psychische Umerziehungsstunden“ ans Herz gelegt wurden.

Die „Vielweiberei“ kann eigentlich nur zwei wirkliche Wurzeln haben und manches Mal sind diese sogar miteinander verflochten – entweder, ich kann mich vor Lust kaum halten und lebe dieses Bedürfnis aus oder ich bin schlicht zu verunsichert, eine wirkliche Beziehung einzugehen und arbeite mich daher an mehreren Individuen ab, die womöglich ganz andere Interessen haben – du verstehst?! Im Falle unserer chaotischen B. ist es nun diese zweite Wurzel allen Übels. Sie ist eine verunsicherte, eine – zeitweilig – deprimierte und vom Leben enttäuschte Person, die den Schneid hat, diese Enttäuschung mit einem fröhlichen Grinsen hinzunehmen. So hastet sie denn von Mann zu Mann – um kurzweilig bei mir zu enden – und wird eines Tages feststellen, dass niemand mehr anwesend ist, um ihre Wünsche noch zu erfüllen. Wir beide – du und ich – wissen, wo diese Tragödien enden; ihr Schluss endet immer mit dem gleichen Schuss! Verbraucht und von inneren Tugendzwängen zerfressen, wird sie wieder und wieder banalen Exzessen erliegen und schlussendlich mit manischer Manier nach ihrem vermeintlichen „Lebensglück“ greifen – dabei handelt es sich bei dieser süßen Träumerei um ihr tatsächliches Unglück. Armes Mädchen!Dummes Mädchen!

Genug von B.! Nicht uninteressant ist überhaupt die gesamte Vorstellung einer „offenen Beziehung“. Was ist das, eine Beziehung? – abseits des Aktes der Reproduktion natürlich. Menschen lassen sich aufeinander ein und wenn man hoffen darf – und das darf man nicht! – dann entsteht eine wärmende Zweisamkeit, die auf Kenntnis des anderen gegründet und auf gegenseitiges Vertrauen aufgebaut ist. Diese psychische Intimität bedarf eines Schleiers der Geheimniskrämerei – wie könnt‘ ich denn meine Kellerleichen offenbaren, wenn am nächsten Tage das Dorf über diese Toten weiß? Ich muss darauf setzen, dass meine … innigeren Abgründe, die ich diesem Wesen neben mir offenbare, nicht als Artikel der sozialen Boulevardpresse enden. Wenn ich nun aber sage, dass ich mich nicht binden möchte – wie kann denn dann diese Intimität entstehen? Wenn ich die dekadenten Sauereien einer Person kenne – gut. Wenn ich um die grotesken Schweinereien mehrerer Personen weiß – so muss ich fragen: Warum, bei Gottes Liebe, sollte ich das wollen?

Der Schluss, der aus dieser Betrachtung gezogen werden muss, ist, dass eine „offene Beziehung“ die seelische Intimität hintanstellt und somit beide Parteien – das Männlein wie das Weiblein – zu Objekten der reinen Begierde werden. Und wir alle wissen doch, wie sehr besonders die emanzipierte Damenwelt darauf bedacht ist, eben nicht ein Objekt zu sein oder zu werden! So dreht sich denn schlussendlich alles nur noch um den Akt.

H., du weißt, wie sehr B. darauf bedacht war, als Feministin zu gelten, als starke Frau angesehen zu werden – und mit ihrer Einstellung schafft sie schließlich die Umstände, die sie eigentlich als weiblicher Heros doch zu bekämpfen wünschte. Männer benutzen sie und sie glaubt dabei auch noch etwas – nicht lachen! – Progressives zu tun. Als wäre die Vielweiberei etwas eklatant Rebellisches. Selbst die Nationalsozialisten warben für eine Promiskuität der Herrenrasse und letztlich ist es doch nur das Tier, das den denkenden Menschen verdrängen will.  

Ich bin also ein Gegner dieser Art und Weise des Liebeslebens – und ich hoffe, dich ebenso überzeugt zu haben. Würde ich mir wünschen, „benutzt“ zu werden, so würde ich dafür nicht nach großklingenden, mit der Feder eines toleranten Humanismus geschmückten Worten suchen – ich würde mich einfach benutzen lassen. Da ich aber meine mir innewohnende Emanzipation nicht immer selbst mit Wort und Feder beweisen muss, sage ich dazu nur dies: Mich benutzt niemand!

Nicht weil ich denke, bin ich – nur weil ich tue was ich will, kann ich sein!

 

Dir alles Gute, H.!

26.8.15 21:44

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